31/05/2021

Meine Vorbilder (III): Audrey Brayne (1927-2021)

1985-86 wohnte ich in Beijing im „Friendship Hotel“. Dort lebten damals die so genannten Expert*innen, die für chinesische Institutionen wie Universitäten etc. tätig waren.

Im Speisesaal des Hotels hatte ich eine Weile eine circa 60jährige Britin fasziniert beobachtet. Eines schönen Tages (mit strahlend blauem Himmel, der sich in Beijing damals nahezu täglich zeigte) sprach ich sie vor der Hotel-Bäckerei an: „Ich kenne eine Frau, der Sie enorm ähneln, gar nicht unbedingt vom Aussehen her, sondern von Ihrer Art zu sprechen, zu gestikulieren“. Sie antwortete: „Let me guess, this person lives in Sheringham”.

Volltreffer!

In Beijing – circa 7000 km von Sheringham (im Distrikt North Norfolk) und meiner Heimatstadt Heilbronn entfernt – hatte ich die Zwillingsschwester der von mir sehr verehrten Deutschlehrerin der Partnerschule meines Gymnasiums – Audrey Brayne – getroffen!

Ich habe nun Gelegenheit, über Audrey Brayne zu schreiben. Sie ist im April 2021 fast 94jährig in Sheringham verstorben. Ich werde sie immer in wunderbarer Erinnerung behalten. Sie hat mich sehr beeindruckt und auf meinem Lebensweg entscheidend beeinflusst. Sie war mir ein Vorbild.

Als ich 1971 am England-Austausch meiner Schule teilnahm, fuhr meine Gastfamilie eine Woche vor unserer Rückreise in den Urlaub. Welch ein Glück für mich: Ich durfte für den Rest der Zeit zur Deutschlehrerin Audrey Brayne nach Sheringham ziehen.

Ich erlebte eine offene, stets präsente und resolute Frau, die mit ausgreifenden Schritten allen voranging und alle mitzog. Besonders eindrucksvoll war für mich, wie sie ihren Haushalt schmiss. Sie legte keinen Wert auf übertriebene Ordnung. So geht‘s auch, dachte ich mir damals, und bis heute betrachte ich Hausfrauendasein als riesige Zeitverschwendung. Dafür stand Audrey vor allen anderen auf, um für den Ausflug noch einen Kuchen zu backen.

Sie war enorm tatkräftig. Vier Kinder zog sie als alleinerziehende Mutter groß und arbeitete dabei an der Schule als Deutsch- und Französischlehrerin. Daneben engagierte sie sich in verschiedenen Bereichen ihrer Gemeinde und leitete ein Theater für junge Menschen. Sie setzte sich aktiv für den Umweltschutz ein und war u.a. Mitglied der „Friends of the Earth“. Dabei war sie über alle Maßen kommunikativ und hatte für alle ein offenes Ohr. Sie gab mir als Jugendliche das Gefühl, dass ich ernst zu nehmen sei und meine Wünsche und Hoffnungen unterstützenswert.

Ich war selbst ein Provinz-Ei; deshalb gefiel mir bei Audrey das Kosmopolitische: In Peshawar (heute Pakistan) geboren, in Indien aufgewachsen und in der Jugend weit gereist, studierte Audrey nach dem Zweiten Weltkrieg Fremdsprachen – mit dem Ziel, die internationale Verständigung voranzubringen und an der europäischen Versöhnung mitzuwirken.

So arbeitete sie später nicht nur jahrelang für die Städtepartnerschaft zwischen Sheringham und Otterndorf und nahm mehrmals an Schulaustauschprogrammen ihrer Schule mit einer Partnerschule in Muzillac (Frankreich) teil, sie war auch maßgeblich am Aufbau der Schulpartnerschaft zwischen dem Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Heilbronn und der Norwich High School for Girls beteiligt.

Diesem Engagement verdanke ich unsere Begegnung.

Nach meinem Aufenthalt in Sheringham besuchte sie im darauffolgenden Jahr meine Familie in Heilbronn, während meines Studiums besuchte ich sie einmal in Sheringham und ich schrieb ihr – wenn ich mich recht erinnere – einige Briefe. Irgendwann erlosch der Kontakt. Da sie aber in enger Verbindung mit einer Lehrerfamilie in Heilbronn stand und ich so Kontakt herstellen konnte, hatte ich das Glück, Audrey nach Jahrzehnten bei ihrem (wahrscheinlich) letzten Besuch in Heilbronn wiederzutreffen. Wir machten einen Waldspaziergang auf der Suche nach Vögeln, denn Vogelbeobachtung war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Es lebe das Internet. Denn bei meiner Google-Suche nach Audrey Brayne entdeckte ich ihren Enkel Nick Conrad, einen (ehemaligen) Radiomoderator bei BBC Norfolk. Er hatte 2015 und 2017 über seine „beloved grandmother“ und ihr Leben im Alter berichtet.

Seitdem habe ich immer mal wieder nach Audrey im Internet ausgeschaut. Und nun die Nachrufe der Familie gefunden, einen hier und einen auf den Blogseiten ihres ältesten Sohnes Mark Brayne. Dort findet man auch zahlreiche Fotos aus all ihren Lebensabschnitten. Darunter auch eines aus der Zeit der Siebziger Jahre, so wie ich sie damals kennenlernte.

Ich bin heute Chinesischlehrerin und habe viele Schülergruppen nach China begleitet. Vor kurzem habe ich begonnen, bei der Städtepartnerschaft zwischen Marbach (Baden-Württemberg) und Tongling (Provinz Anhui) mitzuwirken. Die internationale Verständigung liegt mir am Herzen.

Ohne die Erfahrungen und die Inspiration in meiner Jugend hätte ich diesen Weg nicht eingeschlagen.

Danke Audrey!

27/04/2021

Themenwahl beim deutsch-chinesischen Schüleraustausch (I)

Schüleraustausch stellt für junge Leute aus China und Deutschland eine exzellente Möglichkeit dar, sich in entspannter Atmosphäre kennenzulernen. Bei gemeinsamen Aktionen in der Schule und in der Freizeit kommt man sich näher – auch ohne Worte. Ich plädiere beim Schüleraustausch unbedingt für viel gemeinsam gestaltete Zeit mit Sport, Spiel und Musik.

Selbstverständlich möchte man sich auch im Gespräch kennenlernen. Aber: Vorüber reden, in der Gastfamilie, mit dem Austauschpartner und in der Schule? Welche Themen eignen sich für gemeinsame Projekte und Gruppendiskussionen? Man tut gut daran, diese Frage schon im Vorfeld zu besprechen – nach Möglichkeit unbedingt im Austausch mit der Partnerschule. Mein Vorschlag: Man wählt Themen von gemeinsamem Interesse und lässt Vorsicht walten im Umgang mit Themen, die heikel sein könnten.

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22/02/2021

Lesekreis für chinesische Literatur am Konfuzius-Institut Frankfurt

Wunderbare Neuigkeit für Leseratten wie mich: Das Konfuzius-Institut Frankfurt bietet seit Februar 2021 einen Lesekreis für chinesische Literatur an. Einmal monatlich wird im Buchclub ein Roman oder eine Kurzgeschichte einer chinesischen Autorin oder eines Autors präsentiert und besprochen – Chinesisch-Kenntnisse sind nicht nötig, die besprochenen Werke liegen in deutscher Übersetzung vor.

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05/02/2021

China Tripping: Aha-Momente

In einem meiner Lieblings-Podcasts „Chinese History Podcast“ von Laszlo Montgomery wurde im September 2019 das Buch „China Tripping. Encountering the Everyday in the People`s Republic“ vorgestellt. Die Idee und die Ausgangsfrage zu dieser Sammlung von Aufsätzen von amerikanischen Wissenschaftler*innen gefällt mir sehr gut: Was waren Ihre „Aha-Momente“ in der Begegnung mit China?

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20/01/2021

Schlafkultur in China in Gesellschaft und Schule – Gedanken zum Schüleraustausch

Als Chinesischlehrerin an einem deutschen Gymnasium habe ich mit meinen Kolleginnen gemeinsam den Schüleraustausch mit einer chinesischen Partnerschule betreut. Als die chinesischen Gäste zuletzt bei uns in Deutschland waren, wurde das elementare Bedürfnis „Schlaf“ Thema einer interkulturellen Diskussion. Meine Gedanken hierzu in diesem Beitrag.

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06/01/2021

Briefmarken aus China zum Jahr des Büffels

Hoffentlich wird das Briefeschreiben nie Vergangenheit! Wozu brauchten wir sonst Briefmarken?

Ich liebe chinesische Briefmarken, sie erzählen viel über China!
Bei jedem Chinaaufenthalt ist der Besuch eines Postamtes, wo sich eine verwaiste Verkaufstheke mit Sondermarken findet, für mich ein absolutes Muss.

Ich stelle hier (Sonder-)Briefmarken und Glückwunschkarten zum Jahr des Büffels 牛年 vor – ich übersetze 牛 mit Büffel, weil der Wasserbüffel in China präsenter war als der Stier oder die Kuh.

Leider sind Briefmarken nicht als amtliche Werke gemeinfrei! Ich beschreibe die Marken und gebe die Internet-Adresse an. Ein Blick auf die Seiten lohnt sich unbedingt!

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07/12/2020

Buchempfehlung: „Die Legende der Adlerkrieger“

Ich lese gerne. Lesen bildet. Deshalb möchte ich heute ein Buch empfehlen, das einen Einblick in die chinesische Kultur erlaubt und das außerdem ein Baustein zum Verständnis von China sein kann. Das Buch heißt: Die Legende der Adlerkrieger. Geschrieben hat es Jin Yong. Die Lektüre ist für viele Lesergruppen interessant, meiner Ansicht nach auch für Geschäftsleute, die in China tätig sind.

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